Die ersten Rezensionen

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Matratzen zum Frühstück
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Hubert Schirneck

 

Matratzen zum Frühstück oder

Die erste intergalaktische Fußballweltmeisterschaft

 

Wurmloch-Verlag 2014 • 77 Seiten • 13,95 • von 8—108

 

978-3-9816337-0-2

 

Also. Ich habe ziemlich lange überlegt, ob ich dieses Buch überhaupt besprechen soll. Schließlich gibt es jemanden, der das bereits getan hat. Und wer bin ich, dass ich mich messen könnte mit der Zentralgalaktischen Buchbewerbungsbehörde des Planeten Nek Libron! Unter dem Aktenzeichen 000-815/2014 hat diese nämlich bereits ihr Urteil gesprochen: „Galaktisch gut und total verrückt. Eines der lustigsten Bücher des Universums.“ Und damit könnte auch meine Rezension eigentlich zu Ende sein, denn alles Wesentliche ist gesagt. Aber womöglich gibt es den einen oder die andere, die es doch noch etwas genauer wissen will, und das ist dann hier im Folgenden zu lesen.

 

„Amüsanten Unsinn im Spiel mit der Doppeldeutigkeit von Sprache“, nannte es 2008 mein Kolle-ge Bernhard Hubner, als er Hubert Schirnecks Die grüne Nudelsuppe spielt Geige vorstellte. Betrunkene Füchse und schießende Hexen begeisterten mich, als ich 2011 in Wir, die Osterhasen (S. 5) den philosophisch veranlagten Osterhasen Herrn Gazell auf seinem Osterhasen-Nachwuchsbewerb begleitete, und der feine Sprachwitz in den Vorlesegeschichten Typisch Bär! veranlasste 2012 Elmar Broecker zu glatten 5 Sternen. Und nun 2014 aus gegebenem Anlass im Vorfeld ein Buch zur Fußballweltmeisterschaft.

 

Und das ist gut so, denn der Autor erweist sich nach der kurzen beigefügten Vita als ausgesprochen prädestiniert dafür; auf einem winzigen Planeten am südwestlichen Rand der Galaxis geboren, auf dem Fußball gespielt wurde, trieb er sich allerdings erst ein paar Jahre im Weltall herum, bis er auf der Erde hängenblieb, unter anderem in Los Angeles und Castrop-Rauxel. Das alles machte ihn — wie das Buch deutlich beweist — zum gefragten Experten für Alien-Fußball und andere außer-irdische Sportarten.

 

Ich habe schon viele Fußballbücher gelesen und vorgestellt, aber ganz sicher noch keines von einer intergalaktischen Fußballweltmeisterschaft. Das wundert auch nicht, denn sie findet ja gerade das erste Mal statt. Wir schreiben das Jahr 2811 und die Menschheit ist einen deutlichen Schritt vorangekommen. Einstein mit seiner Lichtgeschwindigkeit, das ist nur noch was für Kinder mit Dreirädern (die gibt’s offenbar immer noch). Jedenfalls haben die neuen Raketen dazu geführt, dass man eben mal schnell einen neuen Planeten entdecken konnte, ohne dafür seinen ganzen Jahresurlaub zu verbummeln. Und genau deshalb setzt das dienstälteste Raumschiff Argus auf klardemoxianischem Boden auf und macht sich bereit zur Erkundung.

 

 

Und welche Überraschung! Das Interview mit den Bewohnern, ja, das ist nicht so einfach. Die Klardemoxianer vermissen zunächst mal die fehlenden Beine und Arme bei den armseligen Erdbewohnern, denn an Beinen haben sie fünf, an Armen immerhin drei zu bieten. Und was machen sie damit den ganzen Tag? Fußball spielen, immer nur Fußball spielen. So etwa seit 3000 Jahren. Und natürlich kennen sie Abseits und Fouls und Verlängerung! Bloß das Fußballfeld — oh je! ein Meteoritenkrater, und kein bisschen Gras! Klar, dass die Klardemoxianer die Einladung zur Erde annehmen, auch wenn sie noch nie ihren Planeten verlassen haben! Und bald macht sich die Argus auf, weitere Fußballplaneten zu entdecken, weil der Präsident des Weltfußballverbandes eine kosmische Fußballmeisterschaft mit außerirdischen Mannschaften haben will, um herauszufinden, wer die wahre Nummer eins im Universum ist.

 

Und damit beginnt die Geschichte „im Ernst“. Hubert Schirneck wird nicht müde, Außerirdische zu entwerfen, nicht einfach nur solche mit fünf Beinen und drei Armen, sondern auch solche, die Matratzen zum Frühstück essen oder berühmte Bilder aus den Museen klauen, weil die die schönsten Rahmen (zum Essen) haben. Was das für Probleme im Alltag macht! Noch viel schöner sind aber einfach die Verhaltensweisen in den ungewohnten Situationen, hat man es doch mit Wesen zu tun, die alles wörtlich nehmen — eine Mauer vor dem Tor errichten! — oder etwas gar nicht oder anders verstehen. Wie kann man das Abseits verstehen, wenn es doch gar keine Grenzlinien gibt? Oder wenn man Dönianer ist und Abseits einfach bedeutet, dass man eben mal unterwegs ist, ein Döner zu holen? Und wie sollten es die Irgendwasse anders definieren als „bei uns bedeutet Abseits einfach irgendwas. Manchmal auch irgendwas anders.“

 

Eine herrlich absurde, abwegige, skurrile, groteske, kuriose ... Geschichte nimmt ihren Lauf, bei der man nur zwei Alternativen hat: kichern oder laut loslachen. Für Kinder ist es einfach eine amüsante Fußball-Geschichte, die mit Situationskomik und lustig erdachten Gestalten prunkt; Größere amüsieren sich dann schon an den zahllosen ungewohnten und überaus fantasiereichen Wortspielen, und alle Erwachsenen, die sich auch nur einen kleinen Rest an kindlichem Gemüt bewahrt haben, die lesen darüber hinaus natürlich mit Vergnügen zwischen den Zeilen und sehen die vielen kleinen liebenswert-boshaften Seitenhiebe auf die Realität. Und die bieten sich ja bei Fußball und Fuß-ballern besonders an...

 

Eine allerwärmste Empfehlung, dieses Buch mit seiner überbordenden Fantasie, für die ganze Familie! Von 8 bis 108 eben, wie gesagt.

*

Die erste galaktische Fußballweltmeisterschaft war eigentlich eine Reihe von Geschichten für den Rundfunk, seinerzeit gelesen von Katharina Thalbach. Die Zusammenstellung zum fortlaufenden Buch ist bestens gelungen!

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Man stelle sich vor: Dieses Buch gibt es nicht bei Amazon zu kaufen – ein Hoch auf Autor und Verlag! Kaufen Sie es einfach am besten direkt beim Wurmloch-Verlag.

 

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Tanz Über dem Wasser - Rezension.pdf
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Renate Lanius

 

Tanz über dem Wasser

 

Wurmloch Verlag 2014 • 235 Seiten • 9,95 

 

978-3-9816337-1-9 

 

Als erstes war es das Cover, das mich nach dem Buch greifen ließ. Das gleißende Blau des Meeres, das (vielleicht) in das Blau des Himmels übergeht, Lichtstrahlen, nur vage erkennbar, die alles verschwimmen lassen, unsicher machen, wie es später im Text zu finden sein wird.

 

Am achtzehnten Oktober fand die Party von Hauptkommissar Florian Fichte statt. An-lass war sein Geburtstag. Er war zwar im Mai geboren, aber bisher hatte sich noch keine Gelegenheit zu einer Feier ergeben. Als die ersten Gäste eintrafen, ahnte er nicht, dass es zu diesem Zeitpunkt eine Frau gab, deren Leben ihn bisher nicht berührt hatte, deren Tod und dessen Folgen aber seine Welt erschüttern würden.

 

So beginnt der Roman und steckt damit gleich den ganzen Rahmen ab: Mord an einer reichen Frau, bald ein weiterer Mord und mittendrin Florian Fichte, nicht einfach nur ermittelnder Kommissar und Kollege, sondern Privatmensch, Ehemann, Vater und bald auch Geliebter. Bis zum Schluss ist es eine höchst glückliche Verkettung der einzelnen Ebenen, des Krimis, der Liebesgeschichte, des Familienromans. Es sind die zwischenmenschlichen Beziehungen, die den „Tanz auf dem Wasser“ immer wieder aus dem Genre des bloßen Kriminalromans herausheben und ihn zu einer tiefgehen-den psychologischen Studie menschlichen Verhaltens machen, in der kein Raum ist für Verurteilung oder Schuldspruch eines Fehlverhaltens. Und es sind die überzeugenden menschlichen Charaktere, die das Buch so lesenswert, so ehrlich machen, dass man sich immer wieder in der einen oder anderen Episode wiederzuerkennen glaubt und versteht.

Unvermittelt gleitet die Geschichte daher immer wieder in Gedanken und Überlegungen Florian Fichtes in eine tiefere Ebene ab; Dinge, die normalerweise in einem Krimi nichts in diesem Ausmaß zu suchen haben, aber hier macht das überhaupt nichts aus, verleiht im Gegenteil dem Geschehen einen zusätzlichen Reiz:

 

Liebe! Ein Wort, das sich auflösen konnte wie morgendlicher Nebel, wenn ihm kein Inhalt eingehaucht wurde. Ein schlichtes Wort mit viel Gewicht. Liebe war eine anspruchsvolle Aufgabe, weil sie gelebt sein wollte, Fantasie dazu gehörte, sie zu untermalen und zu erhalten. Liebe wollte bewiesen sein. Selbst wenn sie zu verflachen drohte, sie fiel nicht aus und verirrte sich nicht auf Nebenstrecken.

Aber natürlich verliert man an keiner Stelle aus den Augen, dass es trotz alledem ein Kriminalroman mit einem Mord ist, der die Geschichte beherrscht. Eine reiche alte Frau wird erdrosselt aufgefunden, ganz in der Nähe von Fichte. Bei den Untersuchungen des schwierigen Falles lernt er Barbara kennen, die Tochter der Toten; eine faszinierende Frau, deren Warmherzigkeit und Charme er fast sofort erliegt. Und dann findet ein Mann beim Spaziergang mit seinem Hund einen weiteren Toten, erstochen oder erschlagen. Und bald stellt sich heraus, die Fingerdrücke in der Wohnung der toten Frau sind von dem Toten. Wie hängen die beiden Fälle zusammen? Wer ist Täter, wer Opfer? Wer hat wen ermordet? Gibt es einen Dritten?

Ein faszinierendes Verwirrspiel beginnt, das Florian Fichte in ein enges Handlungsgeflecht führt, dessen Stränge sich aus Lüge, Mord und menschlichen Abgründen zusammenfügen. Vor diesem Hintergrund versucht Florian verzweifelt, mit seinen eigenen, neuen Gefühlen klarzukommen, so dass das ohnehin schon dichte Beziehungsgeflecht ihn zu erdrücken droht.

 

Nur langsam setzt sich das Bild, was geschehen ist, wie ein Puzzle Stückchen für Stückchen zu-sammen, führt auf den falschen Weg, nimmt zurück, schreitet vor und verliert niemals das Ziel aus den Augen. Lange Zeit sind es zwei Tote und ein Mörder, und Florian verzweifelt fast an der Last der Lösung. Bis zum Ende versteht Renate Lanius den Leser bei der Stand zu halten, geschickt weiß sie ihre Spannungsbögen zu setzen und miteinander zu verknüpfen, sodass man am Ende kaum noch weiß, wie sie sich je auflösen sollen...

Der Fall kommt zu einem ordentlichen Abschluss, aber es bleibt spannend bis zur allerletzten Seite. Der „private Erzählstrang“ bricht an seinem Höhepunkt ab; hier gibt es kein happy ending, auch wenn es nicht ausgeschlossen erscheint. Vielmehr möchte ich das offene Ende so deuten, dass Renate Lanius eine Fortsetzung erwägt, die dann genau da ansetzt, wo dieser Fall aufhört.

 

Und nichts mehr als das wünscht sich der Leser, Frau Lanius!

(Astrid van Nahl)